Kapitel 27


2004-7-6

Schon lange wandert sie zwischen hohen Bäumen dahin. Über ihr scheint der Mond durch die grauen Schneewolken. Der Wald wird immer lichter, und immer häufiger liegt Schnee zwischen den Bäumen. Ihr Atem bildet kleine Wölkchen vor ihrem Gesicht. Dankbar vergräbt sie die Hände in den Taschen ihrer Winterjacke. Das Pochen in ihrem rechten Handgelenk wird immer stärker. Wieviel Zeit mir wohl bleibt? Und was dann? Entschlossen stapft sie weiter, auf die offenen Stellen zu, immer dem Schnee entgegen. Bald schon bahnt sie sich ihren Weg durch eine geschlossene Schneedecke. Die Bäume sind oft nur in ihrer Form und Höhe von der Schneefläche zu unterscheiden. Die Kälte kriecht ihr in den Kragen, Schnee findet einen Weg in ihre Schuhe. Um sie ist es hell. Das Mondlicht wird von dem Schnee reflektiert und taucht alles in einen unheimlichen Schimmer, kalt und leblos. Die Kälte, die Erschöpfung und das stetige Pochen in ihrem Handgelenk bestimmen Lucis Wahrnehmung. Drohen sie völlig einzuschließen. Einzuschließen in ein Welt aus Entkräftung und Schmerz. Doch noch kämpft sie sich vorwärts, auch wenn sie beginnt, die Welt um sich zu vergessen. Sie nimmt nicht mehr wahr, wie sich die Umgebung weiter verändert, daß sie auf einer Schneefläche wandelt, die sich von Horizont zu Horizont erstreckt. Bemerkt nicht den vollen Mond hinter ihrem Rücken, der jetzt fast seinen höchsten Stand erreicht hat. Sie merkt auch nicht, daß sie nicht mehr alleine ist. Bemerkt nicht die drei Schatten, die ihr folgen. Ihre innere Welt aus Schmerz hat sie völlig gefangen, als sie auf die Knie sinkt und sich ihrer Erschöpfung hingibt.

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Martin Spernau
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