Kapitel 15


2004-7-6

Lange schon folgt sie den Spuren. Tiefer und tiefer in den Wald. Eine kühle Brise läßt sie frösteln. Inzwische bereut sie ihren überhasteten Aufbruch, der sie ihre Kleidung völlig vergessen ließ. Die Spuren scheinen endlos zu sein, immer tiefer in die Schatten.

"Entschuldigt Mylady, ihr habt Euch wohl verlaufen, so ohne Schutz und Geleit mitten im Wald?"

Erschreckt dreht Luci sich nach der Stimme um. Sie sieht sich drei bunten Recken gegenüber, hoch zu Roß. Lässig stützen sich die drei auf ihre Jagdlanzen. Die Pferde scharren ungeduldig im Laub. Fast wie aus einem Film, fehlt nur noch König Artus. Viel zu erschreckt, um zu antworten, versucht Luci hastig ihre Blöße zu bedecken. Das allerdings scheint die drei nur noch mehr zu amüsieren, die sie mit abschätzendem Blick mustern.

"Ihr müßt die rüden Blicke meiner Begleiter entschuldigen. Es passiert nicht oft, daß uns auf der Jagd eine so hübsche Maid über die Fährte springt. Hier, nehmt diesen Mantel von mir an, als Wiedergutmachung, und um euch vor weiteren Blicken zu schützen." Behende springt der Sprecher von seinem Pferd und hält ihr einen bunten Mantel aus edlem Samt hin. Galant hilft er ihr, hineinzuschlüpfen Der Mantel scheint wie für sie gemacht, und der Stoff schmiegt sich zart an die Haut, als wäre er lebendig.

"Darf ich mich vorstellen, ich bin Alexander. Meine beiden rüden Begleiter hier sind, zu meiner Linken Herr Baltasar, und zu meiner Rechten, mit dem düsteren Bart, Herr Calvin. Wir sind Paladine im Dienste seiner Lordschaft Lysander, ausgeritten, um Jagd zu machen. Und fürwahr, was haben wir für ein kostbares Wild aufgespürt, wenn ihr den Ausdruck entschuldigt, Mylady. Nun sagt, was treibt euch so alleine in diesen Teil des Waldes?"

Amüsiert mustert er Luci, die immer noch glaubt, sie träumt. Seine Begleiter wechseln bedeutungsvolle Blicke.

"Nun, ihr braucht mir nicht zu antworten. Seine Lordschaft möchte sicher auch die ganze Geschichte hören, und wir wollen unseren Gast nicht zwingen, sich zu wiederholen. Ihr reitet mit mir, habt keine Angst. Eine junge Maid wie ihr seid bei mir in sicheren Händen. Auf jetzt, laßt uns unseren Lord nicht warten!"

"Äh, aber ich glaube, ich würde lieber hier bleiben, und zu Fuß zurück ..."

"Entschuldigt, aber ich glaube nicht, daß ihr eine Wahl habt. Ihr wollt doch sicher nicht die Gastfreundschaft seiner Lordschaft ausschlagen, wo ihr euch doch so keck in seinem Wald bewegt?"

Deswegen also kommen so wenige zurück. Alexander schwingt sich elegant auf sein Roß und hält ihr galant seine Hand entgegen. Luci nimmt seine Hand und sitzt bald darauf im Damensitz vor ihm auf dem Sattel. Dem Pferd macht das zusätzliche Gewicht nichts aus, so elegant und leicht es auch wirkt. Kaum sitzt sie, als sich die Gruppe auch schon in Bewegung setzt. In halsbrecherischem Tempo jagen sie durch den Wald, dann über Wiesen, und auch über die eine oder andere Hecke. Mehrmals bangt Luci um ihr Leben, doch ihnen scheint nichts passieren zu können. Zweimal schon sind sie auf andere Dreiergruppen gestoßen, die sich ihnen spontan angeschlossen haben. Die Landschaft fliegt wie in einem Traum an ihnen vorbei. Der Sonne nach ist es später Nachmittag, als sich der Ritt endlich verlangsamt. Die Pferde traben auf einer gewundenen Schotterstraße. Links und rechts, eine Landschaft wie aus einem Märchen. Lichte Wälder, zarte Wiesen und schroffe Berge, dunstig in der Ferne. Und dann, fast völlig unvermittelt, eine leichte Senke, ein See, und mittendrin ein Schloß. Die Zugbrücke ist herabgelassen, einladend liegt der Innenhof in der Sonne. Die Sonne eines späten Sommernachmittags. Im See springen einige Fische, als die Gruppe die Zugbrücke überquert. Auf dem Innenhof werden sie von eifrigen Stallburschen empfangen, die sich sofort der Reittiere ihrer Herren annehmen. Nicht ohne Luci jedoch einen neugierigen Blick zuzuwerfen. Hier und da auch ein scheues Lächeln. Besondere Aufmerksamkeit scheint jedoch Herr Alexander zu genießen. Die anderen Edelmänner scheinen alle auf einen Kommentar von ihm zu harren.

"Nun, Alexander, wo ist nun dein Lord, zu dem ich soll? Ich möchte doch nicht hoffen, daß er mich warten läßt!" Angriff ist die beste Verteidigung, denkt sich Luci. Ein empörtes Raunen geht durch die Versammelten. Hoffentlich hab ich's nicht übertrieben!

"Kommt! Lord Lysander erwartet euch bestimmt schon." Jegliche Freundlichkeit ist aus Alexanders Stimme gewichen. Er führt sie auf das Haupthaus zu, und durch eine doppelflügelige Holztür, hoch wie zwei Männer, nach innen. Die Tür, mit Schnitzereien phantastischer Wesen geschmückt, öffnet sich beim Näherkommen wie von selbst. Hinter ihnen schließt sie sich wieder, lautlos wie zuvor. Luci ist mit Alexander alleine in einer Halle, die wie für Könige gemacht scheint. Von goldenem Licht durchflutet, irgendwie viel größer, als das Gebäude es von außen hätte vermuten lassen. Und vor allem höher, so hoch, daß Luci die Decke mit ihren Malereien fast nicht ausmachen kann. Der Marmor unter ihren nackten Füßen ist angenehm warm.

"Entschuldigt, wenn ich euch eben etwas barsch behandelt habe. Die meisten hier sehen euch Sterbliche als Spielzeug an. Und ich gewinne sehr an Ehre, da ich ihnen wieder ein neues Stück gebracht habe. Wißt ihr, es ist nicht häufig, daß ein Sterblicher in unsere Jagdgründe gerät. Wenn es sich dann auch noch um eine so süße, zierliche Maid handelt, wie ihr das seid, ist die Aufregung um so größer. Jeder hier hofft, eure Gunst zu erheischen, sollte ich eurer überdrüssig werden."

"Stop, Alexander. Warum erzählst du mir das? Wolltest du mich nicht eigentlich zu deinem Lord bringen? Hat das nicht im Moment Vorrang?"

"Gut, gut. Verschmäht nur meine Ausführungen. Aber bedenkt, daß ich es war, der euch im Wald aufgelesen hat. Ihr solltet euch gut überlegen, ob ihr mich verärgern wollt. Hier entlang nun, hier durch diese Tür."

Eine Tür an der Seite der Halle, fast versteckt im Schatten. Dahinter ein langer Raum, mit hohen Fenstern an der rechten Wand. Gegenüber den Fenstern, eine lange Reihe Nischen, in jeder eine prunkvolle Rüstung. Gebadet in das Sonnenlicht des späten Nachmittags. An der linken Wand, in der Mitte des Raums, ein einfacher Stuhl auf einem niedrigen Podest.

"Ah, mein Herr Alexander. Bringt ihr mir endlich die lang ersehnte Nachricht? Ist das Wild gestellt? Aber ich entnehme eurem Ausdruck bereits, daß ihr mich wieder enttäuscht. Tretet doch etwas näher, und entschuldigt euer Versagen, wie ihr es schon so oft getan habt."

"Mein Lord, seid gewiß, daß euer Paladin nicht zu euch kommen würde, wären seine Hände leer. Ich bin gekommen, um euch von einer unerwarteten Wende der Jagd zu berichten. Ich und meine treuen Gesellen, Herr Baltasar und Herr Calvin, sind der Fährte fast durch das ganze Reich gefolgt. Wir waren dem Wild so dicht auf, daß wir mehrmals einen Blick erhaschen konnten. Ein Geschöpf, so schön und anmutig, wie die Legenden es beschreiben."

"Alexander, reizt mich nicht mit Beschreibungen von Schönheit, die ich nicht schauen kann. Erklärt lieber, warum ihr es vermißt habt, das Wild zu stellen, und mich auf der Stelle zu informieren!"

"Mein Lord, glaubt mir, ich hatte gewichtige Gründe. Als wir uns wieder einmal bis auf einen Blick genähert hatten, konnten wir beobachten, wie eine sterbliche Maid mit ihm sprach. Hier, mein Lord, ist die Maid. Ich habe sie auf direktem Weg hierher gebracht, daß ihr sie selbst befragen könnt." Mit einer tiefen Verbeugung schiebt Alexander Luci nach vorne, auf den Lord zu.

"Ihr wagt es, eure Spur zu verlassen, dem Wild die Flucht zu ermöglichen, es gar völlig aus den Augen zu verlieren, nur um mir eine verschreckte Sterbliche zu bringen? Eine Maid, die wohl kaum auch nur einen Bruchteil so wertvoll ist, wie das Wild, das ihr habt laufen lassen! Seid ihr denn alle so vergnügungssüchtig, daß ihr nicht mehr die Bedeutung eines lordschaftlichen Befehls kennt? Ich kann ja wohl kaum von euch erwarten, daß ihr die Bedeutung dieser Jagd ermessen könnt. Aber einen lordschaftlichen Befehl zu ignorieren!

Hinaus jetzt, Alexander. Und tritt mir nicht mehr unter die Augen, bis du mir einen Erfolg vermelden kannst, der einem Paladin der Seelie würdig ist. Ich habe genug von dir und deinen vergnügungstollen Gefährten."

"Gut, Mylord, so soll es sein. Aber bevor ich euch verlasse, bedenkt nur dies: diese Maid hier könnte unsere größte und einzige Chance sein, uns dem Ziel unserer Jagd zu nähern. Sie hat mit ihm geredet, beinahe hätte sie es berührt! Es hat keine Furcht vor ihr." Mit einer weiteren Verbeugung verläßt Alexander den Raum, nicht ohne Luci mit einem bedeutungsvollen Blick zu bedenken.

"Nun denn, es scheint, als ob ihr eine Weile mein Gast sein werdet. Holde Maid, darf ich euch bedrängen, mir zu sagen, wie ihr genannt werdet?" Der Zorn des Lords scheint völlig verflogen.

"Lu... , Ludmilla. Ich werde Ludmilla genannt." Jetzt immer schön vorsichtig. "Sagt, Lord, wie werdet ihr genannt, und was erwartet ihr als Gegenleistung für eure Gastfreundschaft?" Das ist alles nur ein Traum. Gleich wache ich auf und liege in meinem Schlafsack.

"Oh, ich sehe ihr seid nicht unbewandert in den Regeln des Hofes. Nun, ich würde sagen, ihr erzählt uns bei Gelegenheit von eurem Erlebnis mit dem Einhorn. Das sollte als Gegenleistung fürs erste genügen. Und ich bin Lord Lysander, Herr über den Tag und die dreißig Paladine der Seelie, hier in diesem bescheidenen Reich."

"Nun gut, aber wie komme ich wieder zurück, dorthin; wo ich bestimmt vermißt werde?"

"Nun zuerst einmal glaube ich nicht, daß ihr noch zurückkehren wollt, wenn ihr erst in den Genuß meines Hofes gekommen seid. Sollte es dann dennoch euer Begehr sein, so ließe sich das ja zum Gegenstand weiterer Verhandlungen machen."

Diese Art zu lächeln hat irgend etwas Vertrautes.

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Martin Spernau
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