Kapitel 6


Was war da? Ein weißes Blitzen am Waldrand, ein Geräusch irgendwo zwischen einem Vogelruf und einem Wiehern. Und dann wieder die Stille einer sonnenbeschienen Waldlichtung. Und die Erinnerung an zwei tiefe, schwarze Augen.

Wie lange hat sie hier gelegen? Der Sonne nach ist es immer noch später Vormittag. Ihre Haut brennt, als hätte sie Stunden in der warmen Sonne gelegen. Ein leichtes Hungergefühl läßt sie ihre Sachen überstreifen und nach dem Weg sehen. Zielstrebig geht Luci auf den Wald zu. Dahinter liegt der Kiosk mit dem freundlichen Mann im Liegestuhl. Vielleicht tut sich ja inzwischen mehr im Lager, so um die Mittagszeit.

Hier müßte man wohnen können. Einen solchen Ort zu haben, das würde einem all die Kraft geben, um mit den Problemen der Welt fertig zu werden.

Nur noch wenige Schritte, und die Menschheit hat sie wieder. Da ist die alte Eiche, die direkt am Wegrand stand. Wo aber sind die Hütten? Hinter der Eiche ist jetzt nur noch mehr lichter Wald. In der Ferne, zwischen den Bäumen, ein paar Felsen im Sonnenschein. Um sie herum hört sie nur die Geräusche eines friedlichen Waldes.

Ein Schritt weiter, und völlig unvermittelt steht Luci auf Schotter. Hinter ihr ein Schild: "Nicht die markierten Wege verlassen!" In drei Sprachen.

Es ist dunkel. Vom Gemeinschaftshaus hört man leise Countrymusik. Luci blickt zurück. Hinter ihr ein Waldstück in Dunkelheit. Die alte Eiche wirkt nachts unheimlicher, als Luci lieb ist. Nachts?

Wie kann das sein? Eben lag sie doch noch in der warmen Vormittagssonne, die Kleidung ist noch ganz aufgeheizt. Aber nun ist es Abend, eher schon Nacht. Daher also der Hunger.

Im Gemeinschaftshaus gibt es bestimmt was zu essen. Allerdings ist dort jetzt Geselligkeit bei Countrymusik angesagt. Und die Eltern sind wahrscheinlich auch da. Nein, darauf hat Luci jetzt keine Lust. Also geht sie zu dem Zelt, das sie die nächsten zwei Wochen mit ihren Eltern bewohnt. Im Zeltlager immer noch keine Spur von anderen Besuchern. Entweder die sind alle müde vom Wandern, oder sie stehen auf Countrymusik. Ist auch egal. Aber man kann sich hier schon einsam vorkommen. In ihrem Rucksack findet Luci noch ein paar Kekse. Kauend kriecht sie in ihren Schlafsack. "So´nen Sonnenbrand hatte ich schon ewig nicht mehr! Auf dem Bauch schlafen ist nicht!"

Luci schläft ein, mit dem festen Entschluß, morgen den Park etwas näher zu erkunden. Kein Geheimnis ist vor Luci sicher. Und Luci vor keinem Geheimnis.


alles Bild, Text und Tonmaterial ist © Martin Spernau, Verwendung und Reproduktion erfordert die Zustimmung des Authors

Martin Spernau
© 1994-2017


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