Kapitel 10


2004-7-6

"Kind, bist du in Ordnung? Wach auf, Luci. Du zitterst ja am ganzen Körper. Du hast schlecht geträumt."

"Morgen, Mom. Wie spät ist es eigentlich?"

"Oh, so um fünf Uhr ´rum. Wir gehen jetzt frühstücken. Dein Dad ist schon los. Kommst du mit, Schatz? Wir wollen heute die große Höhlentour mitmachen. Es geht um sechs los."

"Danke, Mom, aber ich such mir lieber selber was."

"Na, ich seh´ schon, du kommst alleine zurecht. Du hast ja einen Sonnenbrand! Nimm besser die Sonnenmilch. Also dann, have a nice day!"

Und schon ist sie weg. Durch den Zelteingang scheinen rötlich die ersten Strahlen der Sonne. Fünf Uhr! Was ist nur mit diesen Eltern los? Die sind doch sonst nicht solche Frühaufsteher. Aber wenigstens lassen sie einen ausschlafen, wenn man will.

Kaum hat sie sich auf die andere Seite gedreht, da ist sie schon wieder eingeschlummert.

Drei Stunden später kann Luci dann aber doch nicht mehr schlafen.

"Jetzt erst mal in aller Ruhe was essen, ich bin am Verhungern. Und Kaffee, starken Kaffee!" Schmerzhaft wird sie sich ihres Sonnenbrands bewußt, als sie in die Sachen schlüpft, schwarze Jeans und T-Shirt, aus Gewohnheit. Als Luci aus dem Zelt tritt, ist es draußen schon angenehm warm. Allerdings sind heute doch einige Wolken am Himmel. Auf dem Weg zum Gemeinschaftshaus kommt sie an der alten Eiche vorbei. Sieht doch völlig harmlos aus, am Tag. Aber erstmal Frühstück.

Der Mann vom Kiosk sitzt in seinem Stuhl, genießt die morgendliche Sonne. Im Großen Saal wieder die drei alten Damen, vertieft in ihr Kartenspiel.

Aus dem Speisesaal kommt ihr der Duft von gebratenem Speck entgegen. Schnell geht Luci nach hinten zur Tür und betritt den angrenzenden Raum. Der Kontrast könnte nicht größer sein. Wo die Sonne kaum in den ersten Raum eindringt, ist dieser hier geradezu vom Licht durchflutet. Ein Bild kommt ihr in den Sinn, hohe Bäume, umspielt von Lichtreflexen. Fenster bis zur Decke lassen einen fast kathedralen Eindruck entstehen. Hinter den Fenstern liegt der Wald, strahlend in der Vormittagssonne.

"Als stünde man mitten drin, nicht?"

Sie hat den kleinen Mann gar nicht bemerkt, der sie so unvermittelt anspricht und damit jäh aus ihren Träumen reißt. Da sitzt eine hagere Gestalt über einem Teller mit Ei und Speck und lächelt ihr verschmitzt entgegen. Ein Schopf roten Haars hängt ihm fast in die Augen und beißt sich farblich mit dem waldgrünen T-Shirt, auf dem in großen, weißen Lettern "Smile!" zu lesen ist. Neben ihm, ein großer Krug Milch.

"Du schaust so hungrig, ich bin sicher, daß Eddie auch für Dich was zaubert. Da, gleich da hinten an der Theke!"

"Danke ..." Luci geht in die angegebene Richtung, und schon entdeckt sie den korpulenten Mann, der faul hinter seiner Theke in einem Korbstuhl lümmelt, in ein abgegriffenes Taschenbuch vertieft.

"Entschuldigung, äh, könnte ich noch etwas zum Frühstück bekommen?"

"Noch neu hier, was Kindchen? Klar kriegst du was. Dein Freund Eddie hier erfüllt dir jeden Wunsch, dafür bin ich doch da! Ach, und laß dich nicht davon stören, daß hier fast niemand ist. Du wirst hier immer nur so viele Leute antreffen, wie dir gerade genehm ist. Von mir mal abgesehen. Was darf´s also sein, kleine Lady?"

Eddie stützt sich mit den Ellenbogen auf seine Theke und scheint ihr von oben in den Ausschnitt spähen zu wollen.

"Äh, einmal Eier mit Speck, und eine große Portion Kaffee, bitte." Sind hier alle so aufdringlich?

"Alles klar, eine Riesenportion Speck mit Eiern, daß du nicht vom Fleisch fällst. Und einen Kaffee, daß Farbe in dein Gesicht kommt, die deinen Sonnenbrand vor Neid erblassen läßt! Kommt sofort, mein Schmuckstück. Setz dich derweil nur hin und unterhalte dich ein wenig. Wird nicht lange dauern."

Und schon ist er in die Küche verschwunden.

"Setz dich doch zu mir und leiste mir etwas Gesellschaft. Vielleicht erzähl ich dir ja was. Du siehst neugierig aus."

Warum auch nicht? Sie hat keine große Lust, alleine zu sein, und es gibt tatsächlich einige Fragen, die sie gerne beantwortet hätte. Wieder dieses schelmische Lächeln, als sie sich ihm gegenüber auf einen der Stühle setzt.

"Also los, fang du an, Mädchen. Frag mich irgendwas, und ich erzähl dir dann, was ich dazu weiß. Dann bin ich dran. Und dann wieder du, wenn du noch Lust hast." Erwartungsvoll lächelt er ihr entgegen.

Also gut, aber was soll sie fragen? Was weiß dieser Typ? Mehr als sie, soviel ist klar.

"O.k., es ist vielleicht eine blöde Frage, aber kannst Du mir sagen, warum überall diese Schilder stehen: "Nicht die Wege verlassen", und so?"

Wenn sein Lächeln noch breiter werden könnte, so würde es jetzt wohl von Ohr zu Ohr reichen. Nur knapp kann er es sich verkneifen, laut loszulachen

"Tatsächlich fast eine dumme Frage, aber aus anderen Gründen, als du glaubst. Aber gut, es ist eine Frage, und ich werde sie beantworten. Da du die Schilder bemerkt hast, solltest du dir deine Antwort eigentlich selbst geben können. Weißt du, die meisten Menschen bemerken sie nicht einmal, zumindest nicht bewußt. Und kaum jemand denkt daran, die Wege zu verlassen, wozu auch? Kaum jemand denkt überhaupt darüber nach. Und kaum einer kehrt zurück, wenn er den Weg dann doch verlassen sollte. Aber meist sind das dann eh Menschen, die nachher keiner vermißt. So ist das hier eben. Weißt du, du mußt immer genau den Weg zurück gehen, den du gekommen bist. Und wundere dich nicht, wenn nachher mit der Zeit was nicht stimmt."

"Jetzt ist aber genug, du verängstigst meine kleine Lady ja völlig mit deinen Gespenstergeschichten. Laß dir von dem nur keine Angst machen, Kindchen. Hier iß erstmal, was Eddie gezaubert hat, das bringt dich auf andere Gedanken!"

Eddie ist neben ihr aufgetaucht, und sie hat ihn nicht bemerkt. Langsam wird ihr das alles doch ein bißchen unheimlich.

"Äh, danke, Eddie ..."

"Schon gut, ich laß euch ja schon alleine." Und schon ist er in Richtung Theke unterwegs. Als Lucis Blick wieder zu ihrem Tisch zurückkehrt, halten sie zwei leuchtend gelbe Augen unter rotem Haar gefangen.

"Jetzt bin ich dran." Das Lächeln hat jetzt etwas wölfisches. "Hast du zuhause einen Freund? Bist du zufrieden mit ihm im Bett? Oder bist du vielleicht eher lesbisch veranlagt?"

"Wie bitte? Sag mal, ich glaube irgendwie nicht, daß dich das etwas angeht. Ich weiß ja noch nicht mal, wer du bist, oder wie du heißt!"

"Das war ja auch kaum Teil unserer Abmachung, wenn ich mich recht entsinne. Ich bin heute zwar sehr redselig, aber in dem Punkt bin ich mir sicher. Willst du also deinen Teil einhalten, oder nicht?"

Wieder dieses wölfische Grinsen. Aber gut, dieses Spiel können zwei spielen.

"Und wenn es so überlege, hast du mir eben drei Fragen gestellt. Das entspricht auch nicht unserer ..."

"Also gut, also gut. Dann anders. Wie steht es mit deinem Liebesleben? Das ist ja wohl nur eine Frage, auch wenn ich hoffe, daß du dich ausführlich erläuterst. Zufällig glaube ich, daß ich dir noch mehr von dem erzählen kann, was du wissen willst."

Irgendwie hat sie es geschafft, ihn mindestens genauso aus der Fassung zu bringen, wie er sie zuvor. Na gut, was kann es schon schaden?

"Also schön, ich hatte zuhause einen Freund, aber das ist vorbei. Ich bin noch Jungfrau, falls dich daß irgendetwas angeht, und werde es wohl noch eine Weile bleiben. Und nein, ich bevorzuge Frauen nicht, zumindestens nicht im Moment ..."

"Wie bitte? Ein hübsches Mädchen wie du noch Jungfrau ...?"

"Stop! Das reicht jetzt. Erstmal bin ich wieder dran. Was passiert denn nun genau, wenn man doch die Wege verläßt?"

Ungläubig schüttelt er langsam den Kopf. Anscheinend ist er jetzt völlig verwirrt.

"Mädchen, Mädchen, ich weiß nicht, ob ich dir das erzählen sollte. Ob du das wirklich wissen sollst."

Langsam kehrt seine Fassung zurück. "Du bist wirklich sehr hartnäckig, das muß ich mal feststellen! Aber gut, wir haben eine Abmachung. Tja, weißt du, mit den Wegen hat es was Besonderes auf sich. Aber das kannst du dir wohl inzwischen selbst denken. Wenn du von einem Weg heruntertrittst, kommst Du in den Teil des Reiches, der dem jeweiligen Ausgangsort am nächsten ist. Nein, für deine Begriffe müßte es wohl eher heißen: der dem Ort am ähnlichsten ist."

"Langsam, langsam, was für ein Kindermärchen erzählst du mir da eigentlich? Was für ein Reich ...?"

"Laß mich ausreden, Mädchen. Du kannst mir glauben, oder nicht. Das ist nicht Teil unserer Abmachung. Ich will dir noch eine Sache erklären: Der Teil des Reiches, in den man gelangt, ist hauptsächlich von der Tageszeit in deiner Welt abhängig. Wann du allerdings zurückkommst hängt nur davon ab, wie lange du bleibst. Das ist der gefährliche Part dabei. Und Mädchen, laß dir noch einen Rat geben. Nimm dort niemals irgend etwas an, ohne die genaue Gegenleistung zu kennen, die erwartet wird. Ja, du darfst nicht einmal etwas essen, oder etwas trinken. Nimm diesen letzten Rat ohne jede Gegenleistung, als Geschenk von mir an. Und nun zu meiner letzten Frage: Werden wir uns hier wiedersehen?"

"Äh, ich weiß nicht ..."

"Doch, das ist eine Frage. Antworte einfach mit ja oder nein."

"Also gut, dann: Ja, wir werden uns hier wiedersehen."

"Das ist schön, dann wäre das also geklärt. Paß auf dich auf!"

Und schon ist er fast zur Tür hinaus.

"Wie heißt du eigentlich?"

"Laß mal, Kindchen, der ist weg. Ach, und frag niemals wieder jemanden, wie er heißt. Höchstens, wie er genannt werden will. Ich teile jedem mit, daß ich Eddie bin. Mir ist es nun mal wichtig, daß die Leute das wissen, daher. Aber nicht jeder ist so darauf bedacht. Damit kannst du dir richtige Feinde machen, meine kleine Lady."

Sie ist viel zu verwirrt, um sich über die allzu vertrauliche Anrede noch zu wundern, oder gar sich darüber zu ärgern.

"Iß du mal erst dein Frühstück, bevor es kalt wird, mein Kind. Eddie mag keine Verschwendung, mußt du wissen."

Warum auch nicht, schließlich hat sie wohl tatsächlich seit über 24 Stunden nichts gegessen außer ein paar Keksen.

Der Kaffee ist wirklich stark, und nach der dritten Portion Eier und Speck fühlt sie sich dann gewappnet für den Tag.

Als Luci das Gemeinschaftshaus verläßt, scheint die Sonne schon recht kräftig. Nein, heute nicht wieder so ein ausgedehntes Nickerchen! Ein Sonnenbrand ist eindeutig genug. "Was Mom und Dad denken würden, wenn sie wüßten, wo ich überall verbrannt bin!"

Da, die alte Eiche. "Das muß systematisch angegangen werden! Ich gehe bis zur Lichtung und versuche dann, auf einem anderen Weg zurückzufinden )."

Da ist das Plätschern. Luci tritt an der Eiche vorbei und geht in das Wäldchen hinein. Der Weg kommt ihr heute länger vor. Als sie die Lichtung erreicht, ist es wieder später Vormittag, der Sonne nach zu urteilen. So lange ist sie doch auch wieder nicht gegangen. Die Steine am Bach liegen warm in der Sonne. Genau wie am Tag zuvor. Wieder spürt sie das dringende Bedürfnis, alles abzulegen, sich völlig frei der Natur hinzugeben. Sogar hier, zwischen den Bäumen, ist es angenehm warm, und die Jeans scheuert ganz schön auf der geröteten Haut. Vorsichtig schlüpft Luci aus ihren Sachen und macht daraus ein handliches Bündel. Kaum ist sie damit fertig, als ihr Blick auf ein Paar gespaltene Hufe fällt. Kaum nimmt sie die schneeweißen Flanken, die seidige Mähne, das einzelne Horn auf der Stirn wahr. Der Blick dieser schwarzen Augen hält sie völlig gefangen.

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Martin Spernau
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