Kapitel 23


2004-7-6

Nun also steht Luci wieder im Wald. Um sie herum ist es dunkel. Dunkler als ihr lieb ist. Hinter ihrem Rücken die riesige Scheibe des untergehenden Mondes. Ein kalter Wind bläst ihr ins Gesicht. Luci ist froh um die warme Hose aus festem Leinen. In den vielen Taschen hat sie einen Teil ihres Proviants untergebracht, um den Rucksack im Notfall aufgeben zu können. Bei jedem Schritt spürt sie, wie sich die Scheide des Jagdmessers an ihrer Hüfte reibt. Froh ist sie auch um das rote Baumfällerhemd, obwohl es ihr doch etwas zu groß ist. Auch wenn sie im Moment eher schwitzt. Auf dem Rücken, in ihrem Rucksack, ein warmer Wollpulli, eine Winterjacke und der Rest ihres Proviants. Und außen auch noch ihr Schlafsack. Ich bin ausgerüstet wie Reinhold Messner! Entschlossen marschiert sie vom Mond weg, tiefer in die Dunkelheit. Einsam und verlassen zwischen den riesigen, dunklen Nadelbäumen. Ein Prinz der Nacht? Vielleicht auch der Dunkelheit. Sie sucht sich ihren Weg immer auf die dunkelsten Gegenden zu, soviel Überwindung sie das auch kosten mag. Hin und wieder huscht über ihr ein Schatten von Baum zu Baum, manchmal hört sie einen Nachtvogel rufen, sonst ist alles still. Langsam wird es empfindlich kalt. Luci kann inzwischen kaum mehr den nächsten Baum vor sich sehen. Sie bleibt unsicher unter einer kahlen Tanne stehen, um in ihrem Rucksack nach dem Pulli zu suchen. Um sie herum ist es fast völlig dunkel. Der Mond hat sich hinter dichten Wolken versteckt. Die Luft riecht nach Schnee. Gerade hat Luci ihren Kopf durch den Halsausschnitt gesteckt, als ein unheimliches Geräusch die Nacht zerreißt. Ein Heulen, daß ihr die letzte Wärme aus dem Körper treibt und ihr Blut gefrieren läßt. Wölfe! Sowas passiert auch nur mir! Und schon sind die Schatten um sie in Bewegung. Luci drückt sich mit dem Rücken an den kahlen Baum hinter ihr und beobachtet die gelben Lichtpunkte, die zwischen den Stämmen näher kommen. Mit der Hand tastet sie nach dem Messer, zieht es aus seiner Scheide. Eins, zwei, drei, vier, fünf, nein sechs Augenpaare. Kommt nur, ihr Monster. Ich versuche auch, das Messer nicht aus lauter Angst fallen zu lassen. Ganz nah sind jetzt diese Augen. Luci kann den Atem der Tiere hören. Doch aus irgendeinem Grund kommen sie nicht näher. Scheinen immer wieder vor ihr zurückzuweichen Die werden doch keine Angst vor meinem Messer haben? Versuchsweise läßt sie das Messer in Richtung einer Kreatur vorschnellen. Mit einem erschreckten Laut macht das Wesen einen großen Satz nach hinten. Also gut, ihr habt Angst vor meinem Messer. Hoffentlich merkt ihr nicht, daß ich noch mehr Angst vor euch habe! Immer den Stamm im Rücken, hält sie die Wesen in Schach. Näher und näher kreisen die Augenpaare um den Baum. Immer wieder schnappt eine Schnauze von der Seite nach ihr. Luci kann den üblen Atem der Wesen riechen. Die Angriffe werden immer dreister und gezielter. Lange geht das nicht so weiter. Die versuchen nur, mich zu schwächen und zu ermüden. Mistviecher! Sobald die anfangen, von beiden Seiten gleichzeitig anzugreifen, bin ich geliefert...

Verzweifelt sticht sie mit dem Messer nach einem Augenpaar direkt vor ihr. Plötzlich spürt sie an ihrem rechten Handgelenk eine stechenden Schmerz. Scharfe Zähne zerreißen Stoff, schlagen eine tiefe Wunde. Luci läßt mit einem erschreckten Aufschrei das Messer fallen, preßt die blutende Hand gegen den Körper, mit der unverletzten bedeckt sie ihr Gesicht. Mit Tränen in den Augen sinkt sie, völlig erschöpft, auf die Knie.

"Macht es kurz, ihr habt doch, was ihr wolltet."

Aber ein Angriff bleibt aus. Luci hört nur das Pochen ihres Herzens und ein leises Knistern. Ein Geruch reizt ihre Nase, wie als würde etwas brennen. Ein schwacher rötlicher Lichtschein dringt durch ihre Augenlieder. Vorsichtig öffnet sie die Augen, und späht durch die Finger in Richtung das Lichtscheins. Keine klaffenden Mäuler, keine reißenden Fänge, nur ein Schemen, der eine knisternde und rauchende Fackel über seinen Kopf hält, um die Szene zu beleuchten.

"Kind, du blutest!"

Luci sieht an sich herab, auf den Boden vor ihren Knien. Es ist alles rot, so rot! denkt sie noch und sinkt zu Boden, in gnädige Ohnmacht.

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Martin Spernau
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