Kapitel 22


2004-7-6

Die alte Eiche. Warum eigentlich von hier aus? Hier ist ein genauso guter Startpunkt wie sonst überall. Ich kann es nur versuchen. Mit einem letzten Blick zurück tritt Luci an der Eiche vorbei. Der Wald ist dunkel. Der Mond steht nicht mehr sehr hoch. Bald ist die Nacht vorbei. In welche Richtung soll ich nur gehen? Wo soll ich suchen? Vielleicht erstmal auf einen hohen Punkt, und dann umsehen. Luci dreht sich einmal um sich selbst und späht in den Wald. Nicht weit von ihr entfernt sieht sie einige Felsen zwischen den Bäumen. Da sind bei Tag auch Felsen. Wenn man an der Eiche vorbei sieht. Luci macht einen Schritt in Richtung der Felsen und steht wieder auf dem Schotterweg. Hätte ich mir denken können. So also nicht. Was hat der Typ mit den roten Haaren gesagt? Du kommst in den Teil des Reiches, der deinem Ausgangsort am ähnlichsten ist. Wenn ich es einfach an einem Platz versuche, der nahe dem ist, wo ich Druhn getroffen habe? Irgendwelche Gegenstimmen? Hat jemand einen besseren Vorschlag? Na dann los! Luci geht zurück zum Gemeinschaftshaus, und hinein durch die Tür, die jetzt leicht offensteht. Noch immer kein Zeichen irgendwelcher Aktivitäten. Gut. Vielleicht gibt es einen Hinterausgang. Durch die Küche hinter Eddies Theke? Der Speisesaal liegt verlassen in fahlen Mondlicht. Auf der Theke liegt ein abgegriffenes Taschenbuch, achtlos liegengelassen. Mit einem Schwung ist Luci über die Theke hinweg, nur leicht durch den Rucksack behindert. Durch die Schwingtür, und schon steht sie in einer kleinen Küche. Dieser Park ist verhext? Ich glaube inzwischen alles! Wie will Eddie 3000 Besucher mit dieser Ausrüstung verköstigen? Von der Küche gehen zwei Türen ab. Die erste erweist sich als Vorratskammer, also öffnet Luci die andere. Diese führt sie in ein gemütlich eingerichtetes Wohnzimmer. Auf einer Couch liegt eine korpulente Gestalt, das Gesicht mit einer Zeitung bedeckt. Wieder daneben. Hoffentlich wacht Eddie nicht auf!

"Hmm? Ah, hallo, meine kleine Lady! Ist das eine Freude! Mensch, du hast uns hier alle ziemlich in Aufruhr gebracht! Na, jetzt bist du ja wieder da. Ist richtig schön, dich wiederzusehen. Wo bist du nur gewesen? Aber komm erst mal rein, Eddie macht dir was warmes zu trinken, und dann erzählst du ihm alles!"

Luci ist kaum in der Lage zu reagieren, da hat Eddie sie auch schon in einen weichen Sessel bugsiert. Dann macht er sich in einer Ecke des Zimmers zu schaffen, während er beständig weiterredet.

"Deine Eltern waren ziemlich aufgelöst, das kannst du glauben! Ich habe zu ihnen gesagt, keine Sorge, habe ich gesagt, die kommt wieder. Bestimmt kommt die wieder, sie müssen nur Geduld haben! Haben sie Geduld, hab ich gesagt, sie hat ja noch ein Versprechen mit diesem rothaarigen Typen offen. Die wollten einfach nicht auf mich hören, aber Mary hat ihnen dann doch noch gut zureden können. Und als dann ihr Urlaub abgelaufen ist, da blieb ihnen ja nichts anders übrig! Du kannst stolz sein auf deine Eltern, sag ich dir, kleine Lady! Solche tapferen Eltern hat nicht jeder, oh nein.

Hier, trink das, das bringt dich auf bessere Gedanken. Jetzt bist du erst mal wieder da und in Sicherheit, mein Glanzstück. Ich bin ja so froh, daß du zuerst an deinen Freund Eddie gedacht hast."

"Danke Eddie, aber ich wollte eigentlich nicht bleiben, noch nicht ..."

"Du willst noch einmal da raus, mein Sonnenstrahl? Hast du ein Versprechen gegeben? Bist du irgendeine Bindung eingegangen?"

"Nein, das ist es nicht, Eddie. Aber ich fühle, daß ich etwas tun muß, etwas finden." Zumindest habe ich das eben noch geglaubt.

"Also schön langsam. Jetzt tust du Eddie und dir selbst erstmal einen Gefallen und trinkst den Tee, den ich dir gemacht habe. Und dann erzählst du mir diese Geschichte von Anfang an!"

Luci bleibt nichts anderes übrig. Außerdem könnte es tatsächlich sinnvoll sein, mit jemandem darüber zu reden.

"Ich hoffe nur, du lachst mich nicht aus. Aber du lebst schon länger in diesem Zauberwald als ich."

Eddie nickt nur aufmunternd. Ob sie ihm die ganze Geschichte erzählen kann?

"Glaub mir, kleines Fräulein, Eddie hält niemanden davon ab, zu tun, was er tun muß oder will, Eddie nicht. Ich helfe nur, wenn ich kann."

Also erzählt ihm Luci die ganze Geschichte. Von dem Bach, dem Einhorn, den Paladinen, Lord Lysander, Daphne, und zuletzt auch von Druhn und der düsteren Erscheinung. Eddie nickt nur hin und wieder, nichts scheint ihn besonders zu verwundern oder gar zu erschrecken. Als sie geendet hat, bleibt es lange still. Eddie betrachtet sie eine Weile gedankenvoll.

"Du wirst dich wundern, warum mich deine Geschichte nicht erstaunt. Das ist einfach meine Art, mein Schatz. Ich glaube jedem alles, was er sagt. Und die Welt, von der du glaubst, daß sie normal ist, mein Goldstück, ist noch viel verrückter, als alles, was du mir erzählen magst.

Ich beurteile nie die Geschichte, sondern immer nur, was der Erzähler dabei empfindet. Und dir, meine Prinzessin, scheint das hier sehr wichtig zu sein. Also wird dir Eddie helfen, wenn er kann, auch wenn ich nicht glaube, daß es gut für mein Goldstück ist."

"Das ist lieb von dir, Eddie. Weißt du, zuerst mochte ich dich nicht so recht. Aber langsam mag ich dich."

"Das ist ganz normal, meine Blüte. Das dauert oft ein bißchen. Sag mir, wie kann ich dir helfen, was hast du vor, Prinzessin?"

"Ich glaube, ich will diesen Druhn suchen. Vielleicht kann ich ihm helfen. Auf jeden Fall brauche ich mich in Lysanders Wäldern nicht mehr blicken lassen."

"Da kannst du recht haben, mein kleiner Schatz. Nun, die Nacht ist in diesem Punkt einfacher. Die Gefahren sind zumeist offensichtlich. Aber ich will dir keine Angst einjagen. Daß es gefährlich ist, weißt du selber."

"Kannst du mir vielleicht sagen, wo ich suchen könnte? In welche Richtung ich mich wenden soll?"

"Oh, oh, ich hab so den Verdacht, daß ich meiner Prinzessin hier einige Grundlagen erläutern muß. Drüben gibt es Richtungen nicht so wie hier. Auch keine Tages- oder Jahreszeiten übrigens, was das angeht. Dort gilt nur das Gesetz der Ähnlichkeit. Du suchst immer, einer Gegend näher zu kommen, die mit dem, was du suchst, in Verbindung steht."

"Ich glaube nicht, daß ich dich verstehe, Eddie. Wie glaubst du, soll ich nach diesem Prinzen suchen?"

"Prinz der Nacht hat er sich genannt, sagst du, Schätzchen? Nun, du mußt Orte suchen, die du mit ihm und mit seinem "Sein" verbindest. Aber ich will dir keine Beispiele nennen, sonst bringe ich dich noch auf eine falsche Fährte. Das ist deine Suche, kleine Prinzessin. Und glaube niemals, daß der gerade Weg der kürzeste ist, oh nein!

Und jetzt packe ich dir noch ein paar Dinge ein, die du gebrauchen könntest. Hast du warme Sachen? Wo du hingehst, kann es empfindlich kalt werden."

"Wir haben doch Sommer!"

"Nicht da, wo du hingehst, Goldstück. Was ist das Gegenteil von Sommer, so wie das Gegenteil vom Tag die Nacht ist?"

"Winter."

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Martin Spernau
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