Kapitel 26


2004-7-6

Als sie aufwacht, ist alles wie es war. Die Lampe, der Tisch, die alte Frau.

"Da bist du ja wieder. Ich hab schon befürchtet, ich muß dich wachrütteln Wie fühlst du dich? Es bleibt nicht mehr viel Zeit. Ich spüre, daß es wieder einmal soweit ist. Du mußt das Dorf verlassen haben, bevor sie kommen. Kannst du aufstehen?"

"Ich glaube schon."

"Gut, hier sind die Sachen, die du am Körper getragen hast. Alles andere behalte ich, wie ausgemacht. Zieh dich an, dann zeige ich dir, wie du ungesehen aus dem Dorf kommst."

Noch nicht ganz wach, beginnt Luci in ihre Sachen zu schlüpfen. Die Ärmel sind geflickt, und die Kleidung ist angenehm vorgewärmt. In dem niedrigen Zimmer ist es empfindlich kalt, und Luci lächelt dankbar über die Vorsorge. Etwas unbeholfen kämpft sie mit Knöpfen, Reißverschlüssen und Schnürsenkeln. Immer wieder durchfährt sie ein stechender Schmerz in ihrem rechten Handgelenk.

"Leider kann ich dir keine Heilsalbe auflegen, das hätte die gleiche Wirkung, als würdest du etwas von hier essen. Du solltest möglichst schnell Hilfe finden, sobald du zuhause bist. Wenn du Pech hast, ist noch Gift in der Wunde. Ein weiterer Grund, möglichst schnell zurückzukehren. Das Gift der Geisterwölfe wirkt nur bei Nacht. Komm jetzt, hier entlang."

"Alita, wo ist mein Messer?"

"Dein Messer? Ich habe keines gesehen. Komm, hier durch diese Gasse. Wenn es aus Stahl ist, wird Michael es an Ort und Stelle vergraben haben. Der Besitz von Stahl ist hier streng verboten."

"Wieso?"

"Wieso?

Kind, du fragst zuviel. Weil sie kalten Stahl fürchten, deshalb. So, wir sind da. Diesen Tunnel habe ich mit einigen anderen gegraben, als wir noch glaubten, wir könnten das Reich verlassen. Er wird dich aus der direkten Nähe des Dorfes führen. Von da an mußt du deinen Gefühlen vertrauen. Versuche dich möglichst genau die Stelle zu erinnern, an der du das Reich betreten hast. Gehe immer in die Richtung, die dem Ort ähnlicher wird. Versuche dort, deinen Weg exakt zurückzuverfolgen Das sollte dich heimbringen. Und wenn du es nicht schaffst, gehe auf den Tag zu. Das Gift wirkt nur in der Nacht. Noch kannst du dir aussuchen, wo du den Rest deines Lebens verbringen willst."

Ja, das kann ich. Und ich glaube, das habe ich bereits.

"Alita, ich kann noch nicht heimgehen. Ich suche jemanden...

Ich suche Prinz Druhn."

"Prinz Druhn? Den Obersten Jagdherren der Nacht? Du suchst dein Verderben, mein Kind. Wenn er dich nicht tötet, wird das Gift in deinem Körper das erledigen."

"Alita, ich muß das einfach tun. Ich habe das nicht alles riskiert, um jetzt aufzugeben. Kannst du mir nicht einen Rat geben, wie ich ihn finden kann?"

"Ich kann dir nicht verbieten, dein Leben fortzuwerfen, aber wenn du es schon tust, dann kann ich wenigstens dafür sorgen, daß du es nicht sinnlos tust. Das Schloß der Herrin liegt im Herzen der Nacht, im Zentrum des Winters. Die, die den Sklavenjägern entkommen sind, berichten von weiten Ebenen ewigen Schnees unter dem Licht des vollen Mondes. Ich glaube immer noch nicht, daß es eine gute Idee ist, Kind. Aber das hier wirst du brauchen, wenn du dorthin gehst."

Ihre Winterjacke. Dankbar nimmt sie das Bündel entgegen.

"Danke, Alita. Du bist wirklich ein guter Geist."

"Und jetzt ab mit dir, bevor ich es mir anders überlege. Ich höre schon ihre Hörner. Du warst nie in diesem Dorf oder hast mit Sterblichen geredet, ist das klar?"

Mit einer entschiedenen Bewegung bugsiert sie Luci auf den Eingang zu, und ist auch schon in Richtung Dorf verschwunden. Jetzt hört auch Luci die Jagdhörner. Schnell kriecht sie in die Höhlung in der Erde. Die Wände sind kalt, gefrorene Erde. Sie muß geduckt gehen und tastet sich in völliger Dunkelheit vorwärts. Hinter ihr hallen die Geräusche einer Jagd durch den Tunnel, Rufe von Menschen und von anderen Wesen. Das war knapp. Viel Glück, Alita!

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Martin Spernau
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