Kapitel 24


2004-7-6

Es ist dunkel. Ihr ist warm. Sie liegt, eingehüllt in Decken, auf einer harten Unterlage. Nein, es ist nicht völlig dunkel. Ein schwacher Lichtschein geht von etwas aus, das wohl eine abgedunkelte Petroleumlampe sein muß. Sie steht auf einem Tisch in der Mitte des kleinen Raumes, in dem Luci liegt. Sie kann sogar die niedrige Decke ausmachen, als ihre Augen sich langsam an die Dunkelheit anpassen.

"Das ist schön, daß du wieder wach bist, Mädchen. Ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben."

An dem Tisch kann Luci die sitzende Gestalt einer fülligen Frau ausmachen. Eine angenehme, mütterliche Stimme. Vorsichtig versucht Luci, sich hochzustemmen.

"Nein, bleib lieber noch etwas liegen. Du bist noch sehr schwach. Du hast viel Blut verloren."

Mit einem Seufzer legt sich Luci wieder zurück. Einfach einschlafen, und daheim im Bett wieder aufwachen! Als sie sich mit der Hand die Haare aus dem Gesicht wischen will, bemerkt sie den Verband.

"Wo bin ich hier? Was ist passiert?"

"In Sicherheit. Michael hat dich gerade noch rechtzeitig gefunden. Er hat dich ins Dorf gebracht, und da er mir noch einen Gefallen schuldet, hab ich ihn um dich und deine Sachen gebeten. Also dankst du jetzt dein Leben nicht mehr ihm, sondern mir. Das ist besser für dich."

Jemand hat sie ausgezogen. Sie kann nicht feststellen, wo ihre Kleider sind.

"Wie wirst du genannt?"

"Ich bin die alte Alita. Man nennt mich auch den guten Geist des Dorfes. Aber wie jeder Geist bin ich unstet, nicht immer da. Und wie wirst du genannt?"

"Ich bin Luci. Und ich bin auf der Suche..."

"Erzähl mir nicht mehr, je weniger ich weiß, desto weniger kann ich verraten. Dich kennt hier noch keiner, und das ist gut für dich, glaub mir."

"Kann ich was zu essen bekommen?"

"Genau davor möchte ich dich bewahren. Ich kann dir nur Wasser anbieten. Ansonsten nur das, was du eventuell selbst mitgebracht hast. Du möchtest wohl nicht so wie wir hier festsitzen?"

"Wo ist hier?"

"Hier ist, wo alle einsamen Seelen hinfinden, die in der Nacht verloren gehen. Sofern die Geisterwölfe sie nicht zuerst finden, oder..."

"Oder?"

"Oder die Sklavenjäger - Trupps der Herrin." Ihre Stimme ist sehr leise. Kalte Angst schwingt in ihr mit.

Es entsteht eine lange Pause.

"Kind, du mußt unbedingt diesen Ort verlassen, so schnell du kannst. Hast du Proviant in deiner Ausrüstung?"

"Ja."

"Beschreibe mir genau, was du brauchst, ich suche es dir heraus."

Luci beschreibt der Frau genau die Taschen in ihrer Hose und dem Rucksack. Die Alte verläßt den Raum durch eine niedrige Tür und kommt nach einiger Zeit mit einem Bündel wieder.

"Hier sind deine Sachen. Du mußt mir beschreiben, wie man an die Vorräte rankommt Diese Verpackung ist mir nicht vertraut. Sie sind doch verpackt?"

Luci erklärt ihr das Prinzip der Dosenkonserven, und bald darauf teilt sie ein bescheidenes Mahl mit ihrer Pflegerin.

"Du bist ein nettes Mädchen. Ich glaube wirklich, daß ich dich gehen lassen will. Du solltest nicht mehr hier sein, wenn die Jäger wieder durchziehen. Aber ich brauche dennoch ein Pfand für dein Leben. Du wirst mir alle deine Vorräte hierlassen müssen, die du nicht zu deiner Genesung bedarfst. Ja, ich glaube, das ist ein fairer Preis."

"Für mein Leben?"

"Kind, ein sterbliches Leben gilt hier nicht viel. Und ein bißchen Essen aus der Heimat könnte mir die Zeit hier versüßen. Du kannst das nicht beurteilen, du bist noch nicht so lange in diesem Reich der Ewigen Nacht. Und ich hoffe, daß du es auf schnellsten Weg verläßt, solange du noch kannst."

"Aber warum hast du es dann nicht schon längst verlassen?"

"Kind, frage das niemals eine sterbliche Seele, die du im Feenland triffst. Wenn man erst einmal Feennahrung zu sich genommen hat oder gar Feenwein getrunken hat, kann man das Reich nie mehr verlassen. Und selbst wenn ich es schaffen könnte, ich glaube nicht, daß ich mich in der Welt noch zurechtfinden würde. Wie viele Jahrhunderte mögen wohl vergangen sein, da, wo ich herkomme? Nein, mein Kind, ich bleibe hier. Aber du, du solltest kämpfen, kämpfen, um in deine Welt zurückzukehren. Für dich ist es noch nicht zu spät.

Aber jetzt schlaf erstmal, daß du wieder zu Kräften kommst."

Schlafen, ja, nur schlafen. Und alles vergessen...

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Martin Spernau
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