Kapitel 17


2004-7-6

Auf einer großen Wiese im Schloßpark werden Tische und Bänke aufgestellt, die Bäume werden mit Girlanden geschmückt. Ein fröhliches Feuer prasselt unter dem Gestell, ein großes Tier auf einem Spieß wird für das Bankett vorbereitet und mit Butter bestrichen. In der Luft liegt überall Musik und Gesang. Luci steht am Fenster und betrachtet das lustige Treiben, während sie wartet. Lord Lysander hatte darauf bestanden, ihr alle Annehmlichkeiten seines Hofes zu bieten. Zuerst ein Bad in erlesenen Kräuteressenzen, um ihre zarte Haut zu salben. Dann neue Kleider, um ihrer zierlichen Figur zu huldigen. Und zuletzt den besten Wein, um ihrer Stimme zu schmeicheln, und um sie in die rechte Stimmung zu bringen, eine gar packende Erzählung zu spinnen. Die Vorfreude des Hofes ist geradezu ansteckend. Wesen jeder Form und Gestalt tummeln sich auf der Wiese, manche auch darüber. Kleine, geflügelte Wichte umschweben sie beständig, bewaffnet mit Bürste und Kamm, ihren Teil zur Geräuschkulisse beitragend. Nach einiger Zeit gibt es Luci dann auf, sie abzuwehren. Sofort beginnen diese begeistert, ihr Haar zu bearbeiten. Wenn das alles nicht so phantastisch wäre, man könnte sich fast daran gewöhnen. Wie lange bin ich schon hier? Der Sonne nach ist es später Nachmittag, aber das ist es schon lange. Zu lange. Lucis innere Uhr deutet eher auf späten Abend.

"Kommt, Mylady, das Bad ist bereitet!" Eine zarte Dame ist an sie herangetreten, um sie in das Badezimmer zu führen. Daphne, ihre persönliche Hofdame, solange sie die Gastfreundschaft Lysanders genießt. Wieder bewundert Luci die Erscheinung dieser Dame. Hochgewachsen und dabei sehr grazil. Extrem fein geschnittene Züge und eine Haut, die sich fast durchsichtig über hohe Wangenknochen spannt. Die Lippen und das dunkle Haar schimmern leicht grünlich und wirken dennoch so gar nicht unpassend. Am meisten jedoch faszinieren diese Augen. Sehr groß und leicht schräggestellt. Die lavendelfarbige Iris verdrängt das Weiße fast völlig. Eine große, leicht geschlitzte Pupille gibt Daphne in Verbindung mit ihren zugespitzten Ohren einen katzenhaften Ausdruck.

"Daphne, ist dieses Bad Teil der lordschaftlichen Gastfreundschaft?"

"Seid gewiß, Mylady, es ist Teil eurer Abmachung. Bis hierhin braucht ihr euch keine Sorgen zu machen, wenn ihr euren Teil einhaltet. Kommt jetzt, genießt euer Bad, entspannt euch. Und wenn ihr geneigt seid, hört euch meine Geschichte an." Sie führt Luci in ein angrenzendes Zimmer, das keine Decke besitzt. Eigentlich eher ein Innenhof, ausgestattet wie ein königliches Badezimmer. In der Mitte ein großes Badebecken, das würzigen Duft verströmt. Darum drapiert, weiche Tücher in bunten Farben, und Schalen mit Obst. Daphne schickt die kleinen Flieger hinaus und hilft Luci aus dem Mantel.

"Nun steigt in euer Bad. Ich werde dafür sorgen, daß ihr nicht gestört werdet. Wenn ihr wollt, leiste ich euch Gesellschaft." Ihr Blick tastet Luci von oben bis unten ab. Fast als wäre sie auf das sterbliche Mädchen eifersüchtig. Als Luci ins warme Wasser gleitet, wendet Daphne sich mit einem resignierten Seufzer ab.

"Daphne, irgend etwas bedrückt dich doch. Und du hast angedeutet, daß du mit mir darüber sprechen willst. Bitte, nur zu, erzähl mir deine Geschichte, ich würde dir gern helfen, wenn ich kann."

"Ihr, mir helfen? Eine Sterbliche? Wo ihr doch der Grund meines Kummers seid? Überschätzt ihr euch nicht ein wenig? Niemand kann Alexander lange widerstehen."

Also doch Eifersucht. Hat eine Dame wie Daphne so viel Angst vor einem Mädchen wie mir?

"Ich bin der Grund? Und was hat Alexander damit zu tun?"

"Nun, Alexander hat euch nicht nur gefunden, er hat wahrscheinlich auch bereits einen Narren an euch gefressen. Er wird von euch nicht ablassen, bis ihr ihn erhört. Und das wird Lord Lysander nicht zulassen. Und ich ertrage es nicht, warten zu müssen. Warten zu müssen, bis er eurer überdrüssig wird..."

"Aber ich denke gar nicht daran, Alexander hinzuhalten, denn ich denke nicht daran, noch wesentlich länger hier zu bleiben!"

"Ich glaube nicht, daß ihr noch gehen wollt, wenn ihr erst von dem Wein gekostet und unsere Nahrung probiert habt. Und selbst wenn ihr das Reich verlassen könntet, ihr würdet nicht glücklich. Wir kennen hier keine Zeit, so wie ihr. Möglicherweise wären alle eure Lieben schon lange tot, wenn ihr wieder frei kämt."

Richtig, nichts essen, nichts trinken.

"Daphne..., glaubst du, es gäbe eine Möglichkeit für mich, die Festlichkeiten vorzeitig zu verlassen?"

"Ihr habt auch sicher noch nichts gegessen oder getrunken, seit ihr im Reich seid? Ja, es könnte da einen solchen Weg geben, die entsprechenden Abmachungen voraus..."

"Genau, du hilfst mir zu fliehen, und ich lasse dir dafür deinen Alexander. Ich bin sicher, er wird mich schnell vergessen, wenn er dich statt dessen haben kann!"

"Also gut, dann gilt es. Wir müssen uns nur etwas beeilen. Ich leihe euch von meinen Kleidern und bringe euch auf dem schnellsten Weg in euere Welt zurück."

Als sie aus den Bad steigt, spürt Luci wieder diesen taxierenden Blick auf der Haut.

"Und ihr meint wirklich, daß Alexander euch vergessen wird?"

"Daphne, eine so bezaubernde Dame wie du sollte wirklich nicht so eine niedrige Meinung von sich haben. Du bist doch viel begehrenswerter als ich!"

"Aber du bist etwas Neues für Alexander, aufregend! Wenn man wie wir ewig lebt, sucht man immer die Abwechslung."

Dagegen hat Luci kein Argument.

"Also los jetzt, laß uns lieber an meine Flucht denken. Für Alexander hast du noch lange genug Zeit."

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Martin Spernau
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