Kapitel 31


2004-7-6

Sanft kitzelt die Sonne ihre Haut. Warm drückt sich die Wölbung des Steins gegen ihren Rücken. Der Bach plätschert fröhlich vor sich hin. Bienen summen leise. Es ist warm. Angenehm warm. Kein Pochen, kein Schmerz. Hinter geschlossenen Liedern bemerkt Luci, wie ein Schatten die Sonne verdeckt. Eine weiche Schnauze stupst sie vorsichtig in die Seite. Vorsichtig blinzelt sie, und öffnet dann die Augen. Tiefe, schwarze Augen blicken besorgt auf sie herab.

"Hallo, mein scheuer Freund! Oh ja, mir geht es gut. Nur noch ein bißchen müde, das ist alles" Sie stemmt sich in eine sitzende Position und lächelt das Tier fröhlich an. Luci krault es vorsichtig zwischen den Ohren. Sein einzelnes Horn schimmert sanft in der Sonne als wäre es aus Eis. Beruhigt legt es seinen Kopf in ihren Schoß. Das ist es. Wegen mir könnte es immer so bleiben. Aber du bist so kalt, mein Freund. Verträumt legt sie ihren Kopf auf den seinen, genießt den feinen Duft nach Minze und Thymian, den Frieden, und läßt sich einfach nur treiben. Weit hinten in ihrem Kopf schwirren Bilder. Bilder von Schnee, von Blut, und von einem feinen Gesicht, mit zwei schwarzen Augen, eingerahmt von weißem Haar.

"Fast wie deine Augen, mein sanftes Wesen."

Doch da ist in der Ferne ein gehaltener Ton zu hören. Ein Jagdhorn.

"Lysander. Das hätte ich mir denken können."

Überrascht und fragend schreckt das Tier aus ihrem Schoß hoch, sieht sie an, den Kopf leicht schräg gelegt.

"Wir können beide nicht hierbleiben mein Freund. Lysanders Paladine jagen dich, und sehr wahrscheinlich auch mich. Ich glaube, wir werden uns trennen müssen. Hier können wir nicht bleiben. Ich kann nicht in das Reich zurück, in dem Druhn herrscht. Noch ist das Gift in meinem Körper. Und du kannst mir nicht in meine Welt folgen. Ich hoffe nur, daß du dir selbst helfen kannst."

Traurig reißt Luci einen Steifen aus ihrem roten Hemd. Aufmerksam beobachten sie die schwarzen Augen.

"Hier, laß mich dir dieses Band umbinden. Das wird dir immer wieder beweisen, daß es mich gibt. Komm mich mal besuchen, wenn du kannst. Und grüße Druhn von mir. Irgendetwas habt ihr wohl miteinander zu tun. Bring ihm das Band, wenn du kannst. Ich glaube, er hat mir das Leben gerettet. Ihr beide habt das."

Vorsichtig legt sie den Streifen, zu einer Schlaufe gebunden, um den weißen Hals. Ein letztes Mal blickt sie in die tiefen Augen, sucht das Verständnis dieses phantastischen Wesens.

"Du verstehst nicht, was ich sage, oder? Oh, welche Ironie! Wird Druhn jemals erfahren, daß ich in Sicherheit bin?"

Fragend untersucht das Tier das rote Band an seiner Brust, blickt sie dann wieder mit schräggelegtem Kopf an. Luci macht einige Schritte auf den Wald zu, in Richtung ihrer Welt. Als sie noch einmal stehenbleibt, drückt sich eine weiche, kalte Schnauze sanft in ihren Rücken.

"Oh nein, du kannst mir nicht folgen. Dort ist es noch viel gefährlicher für dich als hier." Sie dreht sich zu ihm um. "Geh jetzt, lauf, lauf nach Hause! Komm schon, verschwinde!"

Zweifelnd blickt es zu ihr auf, ungläubig.

"Kusch! Weg! Hau ab!"

Erschreckt macht es einen Schritt zurück. In seinem Blick liegt Unglaube, aber auch etwas Trauer.

"Los jetzt, lauf schon!"

Mit einem leisen Laut der Verwirrung dreht es sich um, macht einige Schritte und sprengt dann auf den Wald zu. Ein Jagdhorn erschallt, diesmal sehr viel näher.

Und ich mache auch besser, daß ich verschwinde! Paß auf dich auf, mein weißer Freund.

Ende

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Martin Spernau
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