Kapitel 1


2004-7-6

Er ißt nicht. Er trinkt nicht. Er verläßt sein Gemach nicht, um Gesellschaft zu suchen. Das weiße Haar ist ungepflegt und hängt ihm strähnig in die edle Stirn. Augen, schwarz wie die Nacht, blicken in die Ferne. Und sehen doch nichts. Augen, die sonst jeden Gegner niederstarren können, jedes Wild bezwingen. Das Gewand aus schwarzer Seide ist stumpf, hat allen Glanz verloren. Der Schmuck liegt auf dem Boden, achtlos hingeworfen.

Druhn träumt. Er sitzt da und starrt vor sich hin in die Leere. Er träumt, schon sehr lange Zeit.

Kein Mahl, kein Wein und keine Musik können ihn aus seinen Gedanken reißen. Ihn, der sonst den ganzen Hof mit seinen Späßen unterhält. Er ist Prinz Druhn, Sohn Lady Marianas, der Herrin über die Nacht. Kein Zaun zu hoch, kein Wild zu schnell und kein Glas zu voll.

Druhn ahnt nicht, was ihn belastet. Versteht nicht, was er empfindet. Findet keine Worte für Gefühle, die er nicht kennt. Und sollte er im ganzen Reich suchen, er würde niemanden finden, der ihm helfen könnte. Niemanden, der seine Empfindungen deuten könnte. Denn nur eine einzige Person im Reich der Nacht kann ermessen, was er durchmacht.

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Martin Spernau
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